Mein werthester Freund,
Sie haben mich durch Ihr freundschafftliches Schreiben aus einer
rechten Last von Gedancken, die ich mir Ihres Stillschweigens wegen
machte, ausgespannt, und innigst froh, daß ich einen so werthen Mann
gleichsam wieder gefunden habe, setze ich mich nieder und beantworte,
unter der Menge von Briefen, die mir der Ostwind am vorigen Sonnabend
herübergeweht hat, den Ihrigen zu erst.
Ich sitze noch immer in dem neblichten Kew, bewohne ein Königliches Hauß allein, schlafe zwischen Königlichen Bett=Tüchern, trincke königlichen Rheinwein und kaue, wenigstens 2mal die Woche, mein königliches rost beef. Ich bewohne ein Eckzimmer des Hauses, ein Fenster desselben geht gegen Osten und zwey gegen Süden. Aus dem ersten sehe ich auf einen grosen, grünen, und theils mit königlichen theils andern Gebäuden fast gantz umgebenen Platz, der Kewgreen genannt wird. Im Sommer spatzieren hier eine Menge Personen beyderley Geschlechts, und geniessen der frischen Lufft, jezt ist da nichts zu sehen, als einige Pferde und Knaben, die darauf herumtollen, und zuweilen eine englische - - - - Hunde Hochzeit. An der Seite, wo der Platz mehr offen ist, etwas Nördlich, sehe ich die Themse, die hier schon starcke Ebben und Fluthen hat, und das wegen seiner Middlesex Elecktion, wegen seines Pastor Horne, und des daselbst über Wilkes und Liberty im Jahr 1768 entstandenen Auflaufs und verübten Mordthaten berüchtigte Brentford. Die Aussicht gegen Osten begränzt die Rauchwolcke, die beständig über dem unermeßlichen London ruht, das etwas über eine deutsche Meile entfernt ist, und hinter dieser Rauchwolcke, aber -- aber über 100 Meilen weiter hinaus, (dencke ich offt wenn ich an dem Fenster stehe:) da liegt Göttingen, mit einigen wenigen, sehr wenigen Freunden von mir, die ich aber nicht um alle die dazwischen liegende Reichthümer entbehren wolte. Die beyden andern Fenster gehen in den Weltberühmten Garten und zwar grade auf einen Tempel der Sonne, den Sir William Chambers im Jahr 1761 gebaut hat. Er steht auf einem mit Lorbeer und Taxus wild und verlohren besezten Platz. Die Säulen sind Corinthisch und das Gebälck ist nach einem von den Tempeln von Balbec angeordnet.
Wenn das Wetter schön ist, so habe ich herrliche Tage. Ich gehe alsdann nach dem Observatorio bey Richmond, oder wenn es nicht gantz heiter ist, so spatziere ich in den Gärten. Der Winter hat hier wenig zu bedeuten, und die Gärten von Kew und Richmond sind so mit Lorbeer und andern immergrünen Stauden und Bäumen besezt, unter denen so viel Vögel singen und flattern, daß ich kaum innen werde, daß das die Zeit ist, da man in Göttingen (fast in derselben Breite) in Schlitten fährt. Noch vorgestern habe ich an einem solchen Tag die gantze Tour durch den hiesigen Garten gemacht. Die Glashäußer waren zum Theil aufgezogen, die Vögel sangen vollstimmig, die Gold und Silberfische spielten in ihren Bassins, bey jedem Schritte fast sah ich bald nah bald fern den Goldphasan oder einandern Vogel über den Weg schlüpfen, der nun nach einem Wasser zu führen schien, dann sich auf einmal wendete und mir eine reitzende Gegend, oder einen niedlichen Tempel in der Ferne zeigte. Die zwo Stunden, die ich in diesen romantischen Spaziergängen in der süßesten Melancholie zugebracht habe, sind mir wie wenige Minuten hingegangen.
So lebe ich, wenn das Wetter schön ist, was thue ich aber, wenn es häßlich ist? Wenn es nebelt, gütiger Himmel, was für ein Ort ist Kew da? Die Nebel sind nicht allein häufiger, als bey uns und am Rhein, sondern auch dicker, neulich ritt bey einem solchen Nebel um 9 Uhr des Morgends ein Bedienter in voller Carriere gegen den Schafft einer Postchaise, daß der Schafft dem Pferd auf einen Fuß tief in den Leib drang. Der Engländer zieht den Kragen seines Überrocks über die Nase und schleicht in seinen Grillen fort, einige weissagen, andere bekehren sich und andere erschießen sich, und was thue ich? Ich sehe zuweilen Stundenlang in mein Caminfeuer, suche Gesichter in den Kohlen und ihre Gestalten, und dencke an Göttingen und zwar, weil ich weder Barde, noch Schäfer bin, gantz schlecht weg an meine Freunde und Freundinnen. Wohl dem, der bey einem so schweren Himmel ein gutes Gewissen hat und nicht verliebt ist, wenigstens nicht mit bösen Prospeckten, sonst schneidet er sich den Hals ab wie Lord Clive, erschießt sich, wie mein Nachbar neulich, oder erhenckt sich wie am vorigen Sonnabend ein junges schönes Mädchen von 16 Jahren gethan hat. Sehr offt aber stehe ich alsdann auf, sehe nach meinem Geldbeutel, und wenn es da auf gut Wetter steht, so nehme ich eine Kutsche und fliege für 18 pence nach London; dieses habe ich während meines hiesigen Auffenthaltes auf 14mal gethan. Da vergesse ich mich denn sehr leicht, und um Ihnen einiger massen zu zeigen, daß es kaum anders möglich ist, will ich Ihnen ein flüchtiges Gemählde von einem Abend in London auf der Strase machen, das ich mündlich nicht blos ausmalen, sondern auch noch mit einigen Gruppen vermehren will, die man nicht gern mit so dauerhaffter Farbe, als Dinte, malt. Ich will dazu cheapside und fleetstreet nehmen, so wie ich sie in voriger Woche, da ich des Abends etwas vor 8 Uhr aus Herrn Boydells Hauß nach meinem Logis gieng, gefunden habe. Stellen Sie sich eine Strase vor etwa so breit als die Weender, aber, wenn ich alles zusammen nehme, wohl auf 6mal so lang. Auf beyden Seiten hohe Häuser mit Fenstern von Spiegel Glas. Die untern Etagen bestehen aus Boutiquen und scheinen gantz von Glas zu seyn; viele tausende von Lichtern erleuchten da Silberläden, Kupferstichläden, Bücherläden, Uhren, Glas, Zinn, Gemählde, Frauenzimmer=Putz und Unputz, Gold, Edelgesteine, Stahl=Arbeit, Caffeezimmer und Lottery Offices ohne Ende. Die Straße läßt, wie zu einem Jubelfeste illuminirt, die Apothecker und Materialisten stellen Gläßer, worin sich Dietrichs Cammer Husar baden könte, mit bunten Spiritibus aus und überziehen gantze Quadratruthen mit purpurrothem, gelbem, grünspangrünem und Himmelblauem Licht. Die Zuckerbäcker blenden mit ihren Kronleuchtern die Augen, und kützeln mit ihren Aufsätzen die Nasen, für weiter keine Mühe und Kosten, als daß man beyde nach ihren Häusern kehrt; da hängen Festons von spanischen Trauben, mit Ananass abwechselnd, um Pyramiden von Aepfeln und Orangen, dazwischen schlupfen bewachende und, was den Teufel gar los macht, offt nicht bewachte weißarmigte Nymphen mit seidenen Hütchen und seidenen Schlenderchens. Sie werden von ihren Herrn den Pasteten und Torten weißlich zugesellt, um auch den gesättigten Magen lüstern zu machen und dem armen Geldbeutel seinen zweytlezten Schilling zu rauben, denn hungriche und reiche zu reitzen, wären die Pasteten mit ihrer Atmosphäre allein hinreichend. Dem ungewöhnten Auge scheint dieses alles ein Zauber; desto mehr Vorsicht ist nöthig, Alles gehörig zu betrachten; denn kaum stehen Sie still, Bums! läuft ein Packträger wider Sie an und rufft by Your leave wenn Sie schon auf der Erde liegen. In der Mitte der Strase rollt Chaise hinter Chaise, Wagen hinter Wagen und Karrn hinter Karrn. Durch dieses Getöße, und das Sumsen und Geräusch von tausenden von Zungen und Füßen, hören Sie das Geläute von Kirchthürmen, die Glocken der Postbedienten, die Orgeln, Geigen, Leyern und Tambourinen englischer Savoyarden, und das Heulen derer, die an den Ekken der Gasse unter freyem Himmel kaltes und warmes feil haben. Dann sehen Sie ein Lustfeuer von Hobelspänen Etagen hoch auflodern in einem Kreis von jubilirenden Betteljungen, Matrosen und Spitzbuben. Auf einmal rufft einer dem man sein Schnupftuch genommen: stop thief und alles rennt und drückt und drängt sich, viele, nicht um den Dieb zu haschen, sondern selbst vielleicht eine Uhr oder einen Geldbeutel zu erwischen. Ehe Sie es sich versehen, nimmt Sie ein schönes, niedlich angekleidetes Mädchen bey der Hand: come, My Lord, come along, let us drink a Glass together, or I'll go with You if You please; dann passirt ein Unglück 40 Schritte vor Ihnen; God bless me, rufen Einige, poor creature ein Anderer; da stockt's und alle Taschen müssen gewahrt werden, alles scheint Antheil an dem Unglück des Elenden zu nehmen, auf einmal lachen alle wieder, weil einer sich aus Versehen in die Gosse gelegt hat; look there, damn me, sagt ein Dritter und dann geht der Zug weiter. Zwischen durch hören Sie vielleicht einmal ein Geschrey von hunderten auf einmal, als wenn ein Feuer auskäme, oder ein Haus einfiele oder ein Patriot zum Fenster herausguckte. In Göttingen geht man hin und sieht wenigstens von 40 Schritten her an, was es giebt; hier ist man (:hauptsächlich des Nachts und in diesem Theil der Stadt (the City):) froh, wenn man mit heiler Haut in einem Neben Gäßgen den Sturm auswarten kan. Wo es breiter wird, da läuft alles, niemand sieht aus, als wenn er spatzieren gienge oder observirte, sondern alles scheint zu einem sterbenden gerufen. Das ist Cheapside und Fleetstreet an einem December Abend.
Bis hieher habe ich fast, wie man sagt, in einem Odem weg geschrieben, mit meinen Gedancken mehr auf jenen Gassen, als hier. Sie werden mich also entschuldigen, wenn es sich zu weilen hart und schwer ließt, es ist die Ordnung von Cheapside. Ich habe nichts übertrieben, gegentheils vieles weggelassen, was das Gemählde gehoben haben würde, unter andern habe ich nichts von den umcirckelten Balladen Sängern gesagt, die in allen Winckeln einen Theil des Stroms von Volck stagniren machen, zum horchen und zum stehlen. Ferner habe ich die liederlichen Mädchen nur ein eintziges mal auftreten lassen, dieses hätte zwischen jede Scene, und in jeder Scene wenigstens einmal geschehen müssen. Man wird alle 10 Schritte angefallen, zuweilen von Kindern von 12 Jahren, die einem gleich durch ihre Anrede die Frage ersparen, ob sie auch wüsten, was sie wollen. Sie hängen sich an einen an, und es ist offt unmöglich von ihnen loß zu kommen, ohne ihnen wenigstens etwas zu schencken. Sie packen einen zuweilen auf eine Art an, die ich Ihnen dadurch deutlich genug bezeichne, daß ich sie Ihnen nicht sage. Dabey sehen sich die vorbeygehenden nicht einmal um, da ist liberty und property. So lang einem dieses neu ist, so lacht man wohl darüber, zumal da die meisten wie Christtags Puppen gekleidet und, wenn sie wollen und Gehör finden, hundert mal mehr belebt sind, als manche unserer lebendigen vornehmen Christtagspuppen, hingegen ist man es ein mal gewohnt, und ist mehr auf seine Geschäffte, als auf dieses Hexenwesen bedacht, so ist es höchst unangenehm, und kan ich nicht begreifen, warum man diesem Unheil kein Einhalt zu thun sucht. Ich habe von einigen, die wie Fräuleins aus sahen, Fragen an mich thun hören, bey welchen ein junger Student durch ein Sohlendickes Fell roth geworden wäre.
[Eben als ich diese Zeile geschrieben habe, will ich, unter dessen sie trocken wird, eine Mischung von Brantwein und warmem Wasser in den Mund nehmen, weil ich mir gestern einen Zahn habe ausziehen lassen, und siehe, ich stosse mit dem Ellenbogen an und bespritze die eine Seite dieses Blats erbärmlich. Weil ich sie jetzt nicht um schreiben kan, so bitte ich um Entschuldigung.]
Ich habe nunmehr das Volck so ziemlich kennen lernen, und versäume keine Gelegenheit meine Kenntniß darin zu erweitern. Ich habe zuweilen zu meiner grösten Satisfaction Engländer sagen hören, daß sie nicht gewagt hätten, was ich gewagt habe. Wenn ich den Eifer in mir verspüre, so sind mir Rippenstöße und Schimpfwörter grade was Stoppeln dem Behemoth; ich folge allzeit dabey dem ersten Eindruck, den der Anblick eines Mob oder einer Gesellschafft auf mich macht, dieser belehrt mich bald, ob ich ohne Gefahr untertauchen kan oder nicht, und ich betrüge mich alsdann selten, unterdessen habe ich ein Schnupftuch und ein silbernes Petschafft eingebüßt, denn es ist bey einer eintzigen Seele nicht möglich offt zugleich über die Haut und die Taschen zu wachen und Beobachtungen anzustellen.
Englische Schauspiele habe ich genug gesehen, und darunter Herrn Garrick fünfmal. Meine Beobachtungen über diesen Mann sollen Sie zu einer andern Zeit lesen. Im gantzen kommt ihm in beyden Häußern nicht ein eintziger nur nah. In eintzelnen Rollen hat er einige sehr glückliche Nachahmer gefunden, und in dem, drolligten, so wie es sich in unerfahrnen, treuhertzigen Leuten äußert, ist ein gewisser Weston, der ebenfalls zu Garricks Theater gehört, über ihn. Sie können also dencken was es für ein Vergnügen seyn muß, diese beyden ausserordentlichen Männer in derselben Scene zusammen zu sehen, dieses Vergnügen habe ich gehabt, nemlich in the stratagem, einem berühmten Stück des Farquhar, machte Garrick den Archer, einen Herrn von Stande, der sich für einen Bedienten ausgiebt, und Weston den Scrub, einen würcklichen Aufwärter in einem armseeligen Wirtshauß, worin jener logirt. Garrick erscheint mit allen Insignien einer Laquayen Majestät mit beseztem Kleid und einer rothen Feder, weisen seidenen Strümpfen, und ein paar Waden und Schnallen, wie sie seyn müssen. Weston hingegen, der arme Teufel, in einer abgeregneten traurigen Hanf=Perücke, mit einem grauen Camisol, das er wohl ausfüllen könte, wenn er mehr zu Essen kriegte, und einer grünen Schürtze und rothen Strümpfen. Er geräth in eine Art von Andächtigem Erstaunen, wenn er den Herrn Bedienten (wie das Mädchen zu Kerschlingröder Feld einmal sagte) erblickt: den er doch zu der selben Classe von Geschöpfen rechnet. .... Archer, der ihn zu seinen Absichten braucht, ist besonders Gnädig, und Scrub fängt sich würcklich an zu fühlen, er schlägt so gar so gut seine Beine im Sitzen nachlässig übereinander, als Archer, allein wenn dieser im Sprechen seine seidenen Waden auslegt, so sucht jener arme Teufel seine rothen wollenen so viel als möglich mit der grünen Schürtze zu bedecken. Diese Scene und einige andere, wo Scrub und Archer beysammen sind, werden so gespielt, daß vielleicht nichts in dieser Art vollkommneres ist. Denn bedencken Sie, Garrick an der einen Seite, der gröste Schauspieler vielleicht in den neuern Zeiten, und an der andern Weston, der eintzige Mann, der es in solchen Rollen Garricken, nach einem allgemeinen Geständniß, zuvorthut, und sagen Sie, ob ich Unrecht haben kan. Weston ist ein gantz eignes Geschöpf, die Natur scheint ihn blos bestimmt zu haben, andere Leute lachen zu machen, ohne ihm Fähigkeit gegeben zu haben, selbst zu lachen. Ich habe ihn auf dem Theater nie lachen sehen, ja man sieht nicht das geringste Zeichen von einer Mühe, die ihn die Unterdrückung desselben kostete; aber er soll auch ausser dem Theater sehr selten lachen; indessen ist sein Körper und gantze Seele des ernsthafften völlig unfähig, und er würde eine jede eigentlich ernsthaffte Rolle schlechterdings verderben. Einige neuere Schauspieldichter haben nun gar Characktere nach dem seinigen gebildet, und da ist er freylich unnachahmlich, so habe ich ihn in einem neuen Stück the maid of the oaks gesehen, wo er wieder ein Aufwärter ist, wie wohl in besseren Umständen als Scrub. Er stellt da einen treuen, guten Kerl vor, der zwar unerfahren ist, aber sich bisher gantz gut in seinem Dienst zu finden gewußt hat, allein an dem Tage da ein Hochzeitfest gefeyert werden soll mit aller der Pracht, die sich der Dichter in seiner Begeisterung nur dencken, und die englischen Feuerwercker, directeurs des plaisirs und Zuckerbäcker nur ausführen können, da weiß er nicht, was er machen soll; als Bedienter vom Hauß muß er einen gewissen Rang vor allen übrigen Bedienten behaupten; Er läuft daher beständig in einer völlig unnöthigen und unzweckmäßigen Geschäfftigkeit herum, will immer und kan vor lauter wollen nicht, giebt Ordre blos um contre ordre geben zu können, und das mit einem Ansehen von Treuhertzigkeit und Redlichkeit, daß man dem ehrlichen Tropf von Hertzen gut wird, zugleich aber mit einem Ansehen von Wichtigkeit gegen die Weißbinder, Lampenanstecker, Gartenleute und Tafeldecker, daß man sich des herzlichsten Lachens unmöglich enthalten kan. Er und eine gewisse Mrs Abington, von der ich nachher etwas sagen will, machen allein das Stück sehenswürdig und haben allein es zur 23ten Vorstellung in diesem Winter gebracht, und ohne sie würde es, der herrlichen Decorationen ungeachtet, die den Garrick 9000 Thaler gekostet haben, vielleicht die erste Vorstellung nicht gantz überlebt haben.
Unter den Acktricen, die ich gesehen habe, sind die grösten Mrs Barry, die oben genannte Mrs Abington und Miß Pope. Noch nicht gesehen habe ich Mrs Yates und Mrs Hartley, werde sie aber vielleicht noch diese Woche sehen. Mrs Barry habe ich schon vor fünfftehalb Jahren als Desdemona im Othello gesehen, dieses mal als Cordelia in King Lear und als Beatrice in much ado about nothing. Sie ist eine wahre Schönheit und eine gebohrne Schauspielerin; in ihrem neunten Jahr schmiß sie das Strickzeug und den Catechismus weg und schlich sich mit dem Shakespear auf den Boden des Hauses und sprach mit den Schornsteinen. Wenn ich Geld hätte, so packte ich einmal die deutschen Actricen, die ich kenne, zusammen auf ein Schiff und brächte sie nach London, um von Mrs Barry den Gebrauch der Arme zu lernen. Sie hat in ihren Gesichtszügen vieles von Mamsel Stock, allein ihr Thun ist geschmeidiger und ihre Mine sanffter. Wuchs und Busen unverbesserlich. Als sie neulich im König Lear die Hände gegen den Himmel zusammen schlug und darauf ihren Vater umarmte, so war ich völlig weg; alles ausser der Freyheit, Mrs Barry zu weilen auf dem Theater zu sehen, hätten Sie von mir für einen Mattier haben können.
Mrs Abington war ehmals eins von den Geschöpfen, die ich auf der 5ten Seite meines Briefs mit Come, my Lord pp redend eingeführt habe. Ihre vortreffliche Figur fesselte einmal einen solchen vorbeygehenden, der sie aus einer allgemeinen zu einer besondern machte, und so blos zu seinem Gebrauch fütterte. Dieser Mann starb bald und hinterließ ihr, ob er sie gleich nie geheyrathet hatte, ein solches Vermögen, daß sie selbst mit einiger Pracht, ohne in Drurylane zu dienen, leben könte; sie erscheint daher in den höheren Rollen immer mit ächten Steinen, die ihr selbst zu gehören. Ihr Wuchs und Art sich zu tragen ist höchst vollkommen, ihr Gesicht aber nichts weniger als schön; sie hat aber ein gewisses schneidendes, mehr französisch als englisches Wesen in ihren Minen, das sich für die Rollen, die ihr Garrick ertheilt, ausserordentlich schickt. Im Comischen, und zwar wo die Sitten des ersten Rangs (:wie man in Hannover sagt) lächerlich gemacht werden sollen, ist sie die eintzige in ihrer Art auf dem englischen Theater. In dem erwähnten Schauspiel the maid of the oaks spricht sie den Epilog meistermäßig; sie vergleicht darin die Logen einer, und Parterre und Gallerie anderer Seits mit dem Ober und Unter Hauß und ficht und wispert und zischelt, daß es eine rechte Freude ist anzusehen. Künfftig mehr von dieser einnehmenden Hexe.
Daß ich Herrn Wilkes einige Stunden hinter einander, gantz in der Nähe, angeguckt und so gar zu zeichnen versucht habe, wissen Sie vermuthlich schon von Herrn Sprengeln, dem ich es, wo ich nicht irre, geschrieben habe. Vor einigen Wochen habe ich so gar (das sich nur wenige Personen rühmen können) mit dem Könige von diesem Politischen Monster gesprochen. Doch alles dieses würde mich zu weit führen, also nur noch einiges.
Meine Gesundheit ist in diesem Jahr (es ist heute der 24ten Jenner) schlechter als jemals. Ich habe es bisher bald im Hals, bald in den Augen, und bald in den Zähnen gehabt, gestern bin ich expreß nach London gegangen um mir einen ausziehen zu lassen, welches mir wenigstens von dieser Seite Ruhe geschafft hat. Ich habe seit einiger Zeit so schlecht geschlafen, und so wenig solides essen können, daß ich gantz verfallen bin, ich glaube Ew. Wohlgebohren würden mein Gesicht nicht mehr kennen, wenn Sie es sähen. Noch gestern fragte mich die Königin, was mir fehlte, weil ich so blaß aussähe. Es ist blos allein der Mangel an Schlaf, und, wie ich sage, in diesen lezten Tagen an solider Nahrung, denn ich muste fast wie ein Kind blos von Milch und Brey, und diese sparsam genommen, leben. Wenn uns die Sonne etwas näher kommt, und ich dieses feuchte Nest verlassen kan, so soll es, wills Gott, besser werden.
Ich werde mit diesem Courier an Herrn und Madame Dieterich schreiben, aber nichts von dem, was ich Ihnen geschrieben habe, daher ich Sie bitte, diesen Freunden alles aus diesem Brief vorzulesen, was Sie für dienlich erachten. Ich werde ihnen auch sagen, ein gleiches mit ihren Briefen zu thun. Herr Dumont, Sprengel, Meckel, Zimmermann und andere Freunde von mir, denen ich mich gehorsamst zu empfehlen bitte, sind hierin eingeschlossen. Sie werden alle meine Art zu schreiben, die und's und die aber's entschuldigen, nicht als einem, der auf dieser Insul seine Muttersprache vergessen, sondern als einem, der so viel zu schreiben hat, daß es ihm unmöglich ist Concepte zu machen und Perioden zu drechseln.
Nun Ihre Frau Liebste. Empfehlen Sie mich ihrem geneigten Andencken tausendmal. Dieser Brief -- ich getraue es kaum zu sagen -- ist zugleich mit an sie. Doch über diejenigen Stellen, die mehr für den Hausvater als die Haus Mutter sind, wird sie, mit der ihr eigenen, und leider! in Göttingen so seltenen Discretion, den Mantel christlicher Verzeyhung schlagen. Ich schreibe so dahin, offt muthwillig, offt unbesonnen und übereilt, aber wahrhafftig immer wohlmeinend und immer mit einem Hertzen voll Freundschafft, vorzüglich für Sie und Ihr gantzes Hauß.
N.S. Ich werde an Kästnern einige englische Bücher Verzeichnisse schicken, und ihn ersuchen, sie Ihnen und Heynen mitzutheilen; sie sind eigentlich für Herrn Kirchenrath Geißler in Gotha, der sie bey mir bestellt hat. Verschonen Sie mich nicht mit Aufträgen für sich und Ihre Freunde, es sey an wen es wolle. Warum haben Sie mir Ihr Buch für Pringeln nicht geschickt. Er hat mir durch die Königin sagen lassen, daß er mich gerne sähe, was wäre das für eine Empfehlung für mich gewesen!
Die Recension von Mayers Wercken ist nicht mitgekommen, Sie haben doch auch die Schnitzer bemerckt, das kommt von der Correcktion in den Bogen. Ich habe sie doch noch früh genug bemerckt, um sie in den Exemplaren zu corrigiren, die ich ausgetheilt habe. Doch das sind Possen, wenn nur die Sachen besser wären. Die Dedication habe ich auf dem Wege von Hannover nach Osnabrück geschrieben, und die hat hier vorzüglichen Beyfall erhalten. Ich habe sie aus Mistrauen an Heynen geschickt, und der hat in der zweytlezten Zeile ein eintziges Wort geändert.
Leben Sie recht wohl, mein bester Freund, vielleicht bin ich im May wieder bey Ihnen. Da sollen Sie hören!
N.S. (2) Schon wieder in London. Ich reiße Ihren Brief wieder auf blos um Ihnen zu sagen, daß ich unter den kleinen Bildern, die man hier von den hiesigen Schauspielern hat, auch die Scene angetroffen, die ich oben beschrieben habe. Nur hat da Garrick keine rothe Feder und Weston eine andere Perücke und auch einen Rock an. Weston gleicht sich, wie in einem Spiegel. Garrick gar nicht. Hingegen habe ich noch kein besseres Porträt von ihm gesehen, als er auf einem dieser kleinen Gemählde in dem Charackter von Abel Drugger vorgestellt ist. Es ist sein völliges Gesicht. Ich habe dieser theuern kleinen Dinger 6 gekauft und an Herrn Schernhagen geschickt, von dem Sie sie abfodern und für mich aufheben können. Herr HofRath Heyne und Herr Professor Feder müssen sie vor allen Dingen sehen. Auch in den beyden Charackteren von Sir John Brute, wo er sizt, und wo er besoffen ist, gleicht er sich, auch da so ziemlich, wo er sich in Frauenskleidern mit den Londonschen Polizey Jägern prügelt. Sir John Brute ist die Favorit Rolle Garricks, ob man ihn gleich dieses Stücks wegen schon öffters angegriffen, ja so gar, aus dem Eifer, womit er es auf der Bühne erhält, öffentlich gesagt hat, sein eigner Charackter könne unmöglich viel besser seyn, als Sir John Brute's, so spielt er es immer fort, diesen Winter schon zweymal, und ich habe ihn auch hisce oculis gesehen. Das Stück ist zuweilen sehr schmutzig, aber wegen Sir John's Charackter, der so ausserordentlich von Garricken gespielt wird, höchst unterhaltend. -- Nun habe ich auch das Paquet erhalten, worin die Hallische Zeitung lag. Ich dancke Ihnen gehorsamst für Ihre Anzeige.
Was dencken Sie von dem Musen Almanach? Meines Erachtens ist das meiste förmlich abscheulig, zumal das Klopstockische und das darnach geschnittene der andern. Haben Sie wohl ein eintziges neues Bild darin gefunden, das ist das ewige rauschen im Hayn, das Silbergewölck und die Eiche, die wir schon hunderttausendmal gehabt haben, und dieses glauben sie neu zu machen, wenn sie es mit dicker Gurgel wie vom Dreyfuß geheimnißvoll herunter lallten. In dem Fach lobe ich mir allemal den Jacob Böhm. Der Teufel hol's, der konte Quartbände wegschreiben, die keine lebendige Seele verstund, als die initiirten Narren, und 20 Musen Almanache wiegen noch keinen Quart Band. Einige Gedichte von dem Jahr gefallen mir, zumal unter den kleinen, und die Höltyischen. Wer wohl der Md. seyn mag auf der 214 Seite; das ist recht, so wie man sie in Sekunda macht, wenn's nur mit den Worten geht, für den Sinn sorgt der Recktor. Haben Sie in Ihrem Leben gehört daß etwas, das strahlt und hoch steht, nur gesehen werden kan, wenn man sich auf einen Schemel stellt? Das Männchen hat an die Sonne gedacht, wie ich aus dem lezten Strahl verstehe; allein wenn man hoch stehen muß, um ihre lezten Strahlen zu sehen, so steht sie tiefer als der Beobachter, und ist entweder schon wieder unter, oder noch nicht aufgegangen. Und das wird ihm der vernünfftigste Theil von Deutschland gerne einräumen, daß Klopstock entweder noch nicht auf oder schon wieder untergegangen ist. Vermuthlich wird nun der Musen Almanach besser. Ich wolte unmaßgeblich rathen, daß keine Oden hinein kommen, als wie von Leuten die sich legitimirt haben, daß sie auch etwas vernünfftiges nüchtern und im Ernste schreiben können; solchen Leuten hört man gerne zu und wenn sie würcklich raßten. Ein Einfaltspinsel, der närrisch wird, ist gewiß im Tollhaus der lezte Einfaltspinsel, aber Simson und Lee, wenn sie närrisch werden, sind immer hörens werth, so gut wie Hamlet wenn er sich rasend stellt. Aber wer sind denn unsere Oden Dichter? meistens Leute, welche die Welt so wenig kennen, als die Welt sie. Und wie ist es anders möglich, als daß Leute, die mehr Kenntniß der Welt als diese Säuglinge besitzen, Alles, was sie sagen, höchst albern finden müssen, ob sie selbst gleich glauben, sie berührten mit erhabenem Nacken die Sterne, wie Pastor Lange den Horatz sagen läßt.
Dem guten Dieterich sagen Sie, daß ich alle seine Briefe erhalten, und daß ich ihm bald, und viel schreiben würde, seine eine Hälffte bekommt einen Brief mit diesem Courier, wie oben gemeldet, ich weiß aber nicht, ob der an die andere fertig werden wird.
[Textgrundlage: Ulrich Joost und Albrecht Schöne (Hg.): Georg Christoph Lichtenberg. Briefwechsel. 4 Bände. Hanser, 1983--1992.]