Der Briefwechsel zwischen Lichtenberg und Goethe verlief unspektakulär und ist recht überschaubar. Goethe erhoffte sich (vergeblich) eine Anerkennung seiner Farbenlehre durch Lichtenberg. Lichtenberg mochte sowohl die literarischen als auch die naturkundlichen Schriften Goethes nicht (»Ich glaube 500 Narren wie Goethe sind noch keinen einzigen Grisebach wert.«), auch wenn er einzelne Probleme aus Goethes Farbenlehre weiterverfolgte (farbige Schatten).
Alle Briefe von Goethe entstammen der Weimarere Ausgabe, publiziert 1887-1919.Übersicht:
Könnte es Ew. Wohlgeb. bekannt seyn, wieviel ich Denenselben in dem Studio der Naturlehre schuldig geworden, so müßten Sie es ganz natürlich finden, daß ich eine Gelegenheit ergreife Ihnen dafür Dank zu sagen.
Die Achtung die ich für Dieselben hege, läßt mich zugleich den lebhaften Wunsch empfinden, daß meine Beyträge zur Optik Ihnen nicht uninteressant scheinen mögen.
Ew. Wohlgeb. erhalten durch einen Fuhrmann ein Kästchen, dessen Inhalt auf dem beyliegenden Blatte bezeichnet ist, und ich wünsche demselben eine gütige Aufnahme.
Da die Versuche, welche ich in meinem ersten und zweyten Stücke der optischen Beyträge den Liebhabern der Naturlehre empfehle, sich alle auf einen einzigen Hauptversuch zurückführen lassen und in einer Reihe betrachtet lehrreich sind, wenn sie einzeln genommen den Beobachter mehr verwirren können, so sind die kleinen überzogenen Gestelle bequem sie im Ganzen zu übersehen, und die mannigfaltigen Verhältnisse und Verbindungen mit Einem Blicke zu beobachten.
Wenn Ew. Wohlgeb. sie in Ihrem Musäo aufzustellen für werth halten, so wird es mir zum größten Vergnügen gereichen. Sie erlauben mir, daß ich Denenselben so wie ich fortfahre, weiter von meinen Arbeiten Rechenschaft gebe.
Es ist meine Absicht, daß diese Kleinigkeiten Ihnen auf keine Weise lästig seyn mögen. Es hat daher der Fuhrmann, wie sein Frachtbrief besagt, Ihnen dieselben völlig frey zu überliefern.
Ich empfehle mich Ew. Wohlgeb. geneigtem Andenken und wünsche zu hören, daß Sie sich recht wohl befinden.
Ew. Wohlgeb.
ergebenster
Goethe.
Weimar den 11. May 1792.
Ew. Wohlgeb. Schreiben, welches mich Ihrer Theilnahme an meinen Arbeiten versichert, hat mich sehr aufgemuntert und was hätte mir angenehmer seyn können als zu hören, daß die von mir vorgetragenen Versuche sich an Ihre vieljährige Beobachtungen anschließen und daß der kleine Apparat Ihnen nicht ganz unnütz geschienen hat.
Ich darf nun erst Sie ersuchen, daß Sie mir von Zeit zu Zeit einige Winke geben mögen, die mich auf meiner Bahn leiten und aufmuntern, da ich von Ihnen die Erklärung habe, daß Sie geneigt sind diese Materie nochmals von Grund aus und gleichsam von vorne durchgearbeitet zu sehen, und an denen Bemühungen die dazu nöthig sind einen Antheil zu nehmen, welcher die Untersuchung befördern und beschleunigen muß. Wie leid war es mir, daß ich bey dieser Gelegenheit von Ihnen selbst erfuhr, daß körperliche Übel die Geschäftigkeit Ihres Geistes stören und hindern. Möchten Sie bey Ihrem ländlichen Aufenthalt neue Kräfte gesammelt haben!
Von Zeit zu Zeit werde ich mir die Freyheit nehmen Ihnen von meinen Fortschritten Nachricht zu geben. Das dritte Stück meiner Beyträge, welches ich eben auszuarbeiten beschäftigt bin, wird die Versuche enthalten, durch welche alle Arten von farbigen Schatten hervorzubringen sind.
In der Beylage finden Ew. Wohlgeb. einen Versuch beschrieben, von dem ich nicht weiß ob er bekannt ist, vielmehr scheint mir aus Priestleys Geschichte der Optik pag 267 der deutschen Übersetzung: daß die Bologneser Akademiker bey einem ähnlichen Versuche auf andere Resultate gekommen sind. Dürft ich Ew. Wohlgeb. ersuchen mir den 6. Theil der Bologneser Commentarien welche sich auf der akademischen Bibliothek gewiß befinden werden, auf kurze Zeit zu übersenden, und was Ihnen etwa sonst hierüber bekannt seyn möchte mir gelegentlich gefällig mitzutheilen.
Es scheint mir dieser Versuch von großer Wichtigkeit, ich habe auch schon angefangen so viel als möglich ihn zu vermannichfaltigen, besonders werde ich sobald uns die Sonne wieder scheint, die beynahe seit ein paar Monaten den optischen Versuchen sehr ungünstig ist, die bekannten Körper, welche das Licht an sich ziehen und eine Zeitlang behalten, untersuchen und sehen, ob es nicht möglich wäre einen Körper zu finden, der von dem gelbrothen Lichte wie der Bologneser vom blaurothen die Kraft zu leuchten annähme. Der Cantonische Phosphor nimmt, so viel ich bis jetzt habe bemerken können, von keinem von beyden einigen Schein an.
Ich nehme mir die Freyheit einen gläsernen Keil beyzulegen, wenn allenfalls Ew. Wohlgeb. einen solchen nicht besitzen sollten; wär' er von Flintglas so würde freylich die Erscheinung viel reiner und erfreulicher seyn. Leider lassen unsere Glasfabriken den Beobachter fast ganz ohne Hülfe.
Ew. Wohlgeb. haben meine ersten optischen Versuche mit soviel Nachsicht aufgenommen daß ich hoffen darf Sie werden auch meinen weiteren Arbeiten einige Aufmercksamkeit gönnen. Der Zeit und meinen Wünschen nach sollte ich schon weiter gekommen seyn; allein sowohl dieß Jahr als das vorige habe ich in mancherley Zerstreuungen zugebracht und die kriegerischen Begebenheiten von denen ich Zeuge gewesen lassen zu wissenschaftlichem Nachdencken wenig Raum. Indessen habe ich manches gesammelt und versucht und ich hoffe es bald ordnen und verbinden zu können.
Wie ich die Lehre von den farbigen Schatten behandelt werden Ew. Wohlgeb. aus beyliegendem Hefte ersehen, ich gedencke die übrigen Bedingungen unter welchen wir apparente Farben erblicken nach und nach auf eben diese Weise vorzunehmen, wobey ich mir Ihre Theilnehmung und Belehrung erbitte.
Wollten Ew. Wohlgeb. mir gefällig das Manuscript auf Weimar zurücksenden, wohin ich balde zu gehen hoffe und mir zugleich einige Nachricht von Ihrem Befinden geben? Ich wünsche daß sie günstiger als vor einem Jahre seyn möge.
Erhalten Sie mir ein geneigtes Andencken und bleiben von meiner besondern Hochachtung überzeugt.
Ew. Wohlgeb.
ergebenster
Goethe.
Franckfurt d. 11. Aug. 93.
Bey meinem zweymaligen Feldzuge habe ich wenig erfreuliche Erfahrungen gemacht und nur die doppelte Neigung, womit ich zu einer stillen Thätigkeit und zu den Wissenschaften wiederkehre, kann mich für die vielen traurigen Stunden entschädigen, die ich seit anderthalb Jahren zugebracht habe. Erlauben Sie, daß ich Sie von Zeit zu Zeit und wenn auch nur Stückweise von meinen Bemühungen wissen lasse, die durch Ihre Theilnehmung so außerordentlich befördert werden können.
Zuerst dank ich für die Bekanntschaft, die Sie mir mit der französischen Schrift verschaffen; ich bitte mir solche bald möglich zu überschicken: denn wir mögen noch so geneigt seyn auf Zweifel und Widerspruch zu hören; so ist es doch unserer Natur gar zu gemäß, dasjenige begierig zu ergreifen, was mit unserer Vorstellungsart überein kommt.
Nach diesem aufrichtigen Bekenntniß bitte ich Ew. Wohlgeb. mich eben für so aufrichtig zu halten, wenn ich versichere, daß Ihre Bedenklichkeiten mir von dem größten Gewichte sind. Können Sie sich manches in meinem Aufsatze nicht ganz erklären; scheint Ihnen die Reihe der Experimente nicht so rein, die daraus gezogene Folgerungen nicht so überzeugend; so muß mich das auf meine Versuche, auf meine Methode und mein Urtheil mißtrauisch machen. Ich werde meinen französischen Collegen sorgfältig studieren, sowohl seine Versuche, als das was mir bisher Neues bekannt geworden, nachtragen, auf Ew. Wohlgeb. Bemerkungen alle Rücksicht nehmen, und die Resultate meiner Arbeit abermals vorlegen. Man kann in jedem Theile der Naturlehre, besonders aber in diesem nicht vorsichtig genug zu Werke gehn.
Was Ew. Wohlgeb. über das Weiß in Ihrem Briefe äußern scheint mir der Lehre gemäß zu seyn, welche das Weiß aus vereinigten Farben entstehen läßt. Ich behalte mir vor, meine Vorstellungsart hierüber vorzulegen und Ihrer Prüfung zu unterwerfen.
Das Phänomen, das Ew. Wohlgeb. in dem orangefarbenen Planspiegel bemerkt, habe ich unter die Zahl derjenigen aufgenommen, welche uns die Reflection darstellt. Ist der Spiegel blau, so erscheint das Phänomen umgekehrt, das von der Oberfläche zurückgeworfene Bild des Stabes erscheint nunmehr blau, das von der Belegung gelb, gelbroth, bräunlich roth. Ist der Spiegel grün, so erscheint das obere Bild grün, das untere violet oder purpur; jederzeit mit entgegengesetzten Farben, wie bey den farbigen Schatten. Es kommen noch einige merkwürdige Umstände dabey vor, welche ich in einer Folge auszuführen und nebst einer kleinen Vorrichtung, wodurch sie ganz bequem beobachtet werden können, Ew. Wohlgeb. mitzutheilen nicht verfehlen werde, sollte ich auch nur bringen, was Ihnen schon bekannt ist; so werde ich doch wenigstens dadurch meinen Eifer zur Wissenschaft und mein Zutrauen zu Ihnen an den Tag legen.
Wenn an einerley Orte, zu verschiedenen Zeiten, unter scheinbar einerley Umständen verschiedene farbige Schatten zum Vorschein kommen; so ist es meiner Meynung nach ein Beweis, daß sich die Umstände wirklich geändert haben. Büffon sah blaue Schatten an einer weißen Wand, des Abends, kurz vor Sonnenuntergang. Eben denselben Schatten sah er des andern Abends grün; er bemerkte aber dabey daß die Sonne purpurroth unterging. Und so ist es auch: ein purpurrothes Licht macht die entgegengesetzten Schatten grün, so wie ein Grünes die entgegengesetzten Schatten purpurroth und nach seinen verschiedenen Nüancen auch wohl auf das anmuthigste violet färbt.
Man nehme bey dem gewöhnlichen Versuche, wo man das Kerzenlicht dem schwachen Tageslicht entgegen setzt, ein hellgrünes Glas und halte es vor das Licht: sogleich wird der gelbe Schatten grün, der blaue hingegen purpurroth oder violet erscheinen.
Man kann diesen Versuch auch noch auf eine auffallende Weise vermannichfaltigen: Man lege bey heiterm Himmel und hellem Sonnenschein ein weißes Papier ins Freye, man halte einen Stab darauf und der Schatten wird mehr oder weniger blaulich erscheinen. Man nehme darauf eine grüne Glasscheibe und lasse das Sonnenlicht durch selbige auf das Papier fallen, davon ein Theil also grün erscheinen wird, man stelle den Stab in dieses grüne Licht, und der Schatten desselben wird sogleich violet erscheinen. Eben so ist der Schatten gelblich wenn das Glas blau, blau wenn das Glas gelb ist. Grau ist aber und bleibt der Schatten auch mitten im gefärbten Lichte wenn man den Versuch am Fenster einer Camera obscura macht und die Einwirckung des Tageslichtes abhält. Von meiner Meinung wie sich das grau zu den Farben verhält gebe ich nächstens Rechenschaft.
Wie nah diese Versuche mit den sogenannten couleurs accidentelles verwandt sind, ist Ew. Wohlgeb. nicht entgangen. Auch hier läßt sich eine Reihe schöner Versuche aufstellen, die mit jenen vollkommen Schritt halten; hier ist also wohl nichts Zufälliges, wohl aber eine Übereinstimmung verschiedener Erfahrungen deren Mannichfaltigkeit wir durch die Sinne erkennen; deren Übereinstimmung aber wir mit dem Verstande nicht begreifen, viel weniger mit Worten ausdrucken können. Unser Geist sieht sich, wie leider so oft, auch hier in dem Falle entweder die Phänomene einzeln neben einander stehen zu lassen, oder sie in einer hypothetischen Einheit mehr zu verschlingen als zu verbinden. Wie vieles ist uns noch selbst, wie vieles unsern Nachkommen vorbehalten.
Ew. Wohlgeb. sind mit allen diesen Operationen unserer Seele so genau bekannt, und von wem ließ sich wohl mehr Beyhülfe, Aufmunterung und Berichtigung erwarten, so bald Sie den Gegenstand für wichtig genug halten ihm einiges Nachdenken zu widmen, und den Forscher so werth, um ihm Ihre Gedanken mitzutheilen.
Das Phänomen, dessen Sie gegen das Ende Ihres Briefes erwähnen, habe ich neulich in einem eminenten Grade gesehen. Ich betrachtete durch die Öffnung der Camera obscura die Sonne durch ein dunkel violettes Glas, deren Scheibe mir denn in dem lebhaftesten Purpur erschien; als ich wieder herein sah und mein Blick auf einen schwarzen Mantel fiel; so erschien mir dieser vollkommen grün. Einige Zeit vorher war ich auf folgende Versuche geleitet.
An eine weiße Wand stellte ich ein etwa dreyzöllig vierecktes gelbes Papier und sah scharf darauf, sodann blickt ich in die Höhe und richtete meine Augen unverwandt auf einen bestimmten Fleck der weißen Wand: An gedachtem Platze erschien mir bald ein blauliches Viereck, so wie im Gegentheil mir ein gelbes erschien, wenn das untere Viereck blau war, und so veränderte sich auch bey veränderten Farben des Gegenstands die Farbe der Erscheinung nach den Gesetzen wie sie mir aus den Phänomenen der farbigen Schatten zu folgen schienen. Auch hiervon will ich, was mir bekannt ist, zusammen schreiben und vorlegen, mit der Bitte die Specimina eines Liebhabers und Autodidacten freundlich aufzunehmen.
Beguelins Arbeit kenne ich; es ist nichts besonderes in seinen Erfahrungen, nichts entscheidendes in seiner Meynung. Opoix scheint ein Maratianer zu seyn, die der Bewegung alle Farbenapparenz zuschreiben möchten, wie Neutons Nachfolger fast ausschließend alles aus der Brechung zu erklären dencken. Ein Wink von Ew. Wohlgeb. den ich in Crells Vorrede zu Delaval gefunden habe, hat mir große Freude gemacht. Ich bin dadurch aufs neue aufgemuntert worden, die verschiedenen Bedingungen unter denen uns apparente Farben erscheinen, so viel als möglich seyn will, von einander zu sondern und das Fachwerk worin ich die manigfaltigen Erfahrungen und Versuche hinein trage eher zu weit als zu eng zu machen.
Erhalten mir Ew. Wohlgeb. Ihr freundschaftliches Andenken und glauben Sie daß es mir gleicher Ernst um die Wissenschaft und um Ihre Gewogenheit sey und bleibe.
Ew. Wohlgeb. erhalten hierbey einen Aufsatz den ich geneigt aufzunehmen bitte. Gern hätte ich ihn nochmals durchgearbeitet, oder ihn wenigstens mit Noten versehen, deren er manche bedarf, doch hätte mir diese Arbeit Ihre Belehrung verspätet.
Vielleicht kann ich bald meine Vorschläge wie ich die Farbenlehre überhaupt behandelt wünschte, ingleichen ein Schema inwiefern ich sie gegenwärtig übersehe Ew. Wohlgeb. zusenden. Leider komme ich selten mit Ruhe und Sammlung an diese Speculationen. Gegenwärtiges Manuscript bitte zu behalten und empfehle mich gütigem Andencken.
Ew. Wohlgeb.
ergebenster
Goethe.
W. d. 29. Dec. 93.
Das französche Werck sur les ombres colorees ist mir ja wohl noch biß Ostern zu behalten vergönnt?
W. d. 29. Dec. 93.
Angenehm ist mir die Hoffnung Ihren Hogarth balde zu sehen. Wenn Sie mit den Kupfern zufrieden sind, werden wir an der Erklärung gewiß viel Freude haben. Hierbey liegt mein Reinecke, ich wünsche daß dieses uralte Weltkind Ihnen in seiner neusten Wiedergeburt nicht mißfallen möge.
Wenn es Ihre Zeit erlaubt, so haben Sie ja die Güte mir mit Ihren Bemerckungen über meinen letzten Aufsatz zu helsen. Seyn Sie nur versichert daß ich jede Art von Recktification und Widerspruch vertragen kann.
Das französche Buch behalte ich mit Ihrer Erlaubniß noch einige Zeit, es hat mir zu einigen schönen Versuchen die mir fehlten geholfen, so wie Ihre Anmerckungen auf einen andern Weg die Phänomene zu kombiniren und vielleicht zu erklären.
Leben Sie recht wohl und erlauben mir bald wieder etwas zu übersenden.
W. d. 9. Juni 1794.
haben mir durch die Übersendung der Hogarthischen Kupfer und des Werkchens, womit Sie solche begleitet, ein sehr angenehmes Geschenk gemacht. Ich hatte sie wohl oft gesehen, und das Geistreiche darin theils erkannt theils dunkel gefühlt, niemals aber so im Ganzen eingesehen als jetzt, da Sie uns auf eine so freundliche Art belehren.
Wir haben Ursache Ihnen dankbar zu seyn daß Sie die Ideen und Einfälle guter Stunden uns dabey haben mittheilen und dadurch die heitern Augenblicke, die wir jetzt nur einzeln zählen, haben vermehren wollen. Sie haben uns dabey manche fruchtbare Idee gegeben, die sowohl in Scherz und Ernst eine weitere Entwickelung verdienen.
Goethe schreibt am 21. November 1795 verärgert an Schiller:
Was sagen Sie z.B. dazu, daß Lichtenberg, mit dem ich in Briefwechsel über die bekannten optischen Dinge, und übrigens in einem ganz leidlichen Verhältniß stehe, in seiner neuen Ausgabe von Erxlebens Compendio, meiner Versuche auch nicht einmal erwähnt, da man doch grade nur um des neuesten willen ein Compendium wieder auflegt und die Herrn, in ihre durchschoßnen Bücher, sich sonst alles geschwind genug zu notiren pflegen. Wie viel Arten giebt es nicht so eine Schrift auch nur im Vorbeygehen abzufertigen, aber auf keine derselben konnte sich der witzige Kopf in diesem Augenblicke besinnen.
haben mir, durch Ihre fortgesetzte Bearbeitung der Hogarthischen Gegenstände, ein sehr angenehmes Geschenk gemacht und mich an glückliche Stunden früherer Zeiten erinnert.
Ich leugne nicht daß eine anhaltende Betrachtung der Kunstwerke, die uns das Alterthum und die uns die Römische Schule zurückgelassen haben mich von der neuern Art, die mehr zum Verstande als zu der gebildeten Sinnlichkeit spricht einigermaßen entfernt hat; desto angenehmer ist aber die Überraschung wenn uns der Geist dieser Arbeiten durch einen so gewandten Dolmetscher wieder unvermuthet aus allen Winkeln und Ecken anspricht. Haben Sie recht vielen Dank für die Mittheilung und erfreuen Sie uns durch eine baldige Fortsetzung.
Hierbey folgen ein paar Bände meines Romans der seine moderne Natur freylich auch nicht verleugnet, ich wünsche ihnen eine günstige Aufnahme.
Sollte des Benvenuto Cellini Abhandlung, über die Kunst des Goldschmiedtes, sich auf der Göttingischen Bibliothek befinden; so hätten Sie ja wohl die Güte mir solche auf eine kurze Zeit zu verschaffen. Das Leben dieses wunderlichen Mannes besitze ich selbst.
Ich wünsche zu hören daß Ihre Gesundheitsumstände leidlich sind und empfehle mich zu geneigtem Andenken.
Ew. Wohlgeb. erhalten das mir übersendete Buch, mit vielem Danke, zurück, ich bitte um Vergebung, wenn es etwas länger als es sollte, ausgeblieben ist und zugleich um Erlaubniß in ähnlichen Fällen künftig wieder Anspruch an Ihre Gefälligkeit machen zu dürfen.
Der ich mich mit aller Hochachtung unterzeichne
Ew. Wohlgeb.
ergebenster Diener
J. W. v. Goethe.
Weimar den 30. März 1796.
erhalten hierbey den vierten Band meines Romans, der vielleicht nur einen geringen Theil jener Erwartungen erfüllt welche die ersten Bände erregten. Indessen, da es mit dem menschlichen Leben selbst nicht besser geht, so stellt er wohl gerade durch diesen Mangel unsern planetarischen Zustand am besten dar, und ich erscheine damit immer gerne vor Ihnen, da Sie theils jedes Product nach seiner Art zu nehmen geneigt sind und dann doch wieder den Gegenständen auf eine freundliche Weise zu Hülfe kommen.
Mit lebhaftem Antheil habe ich auch Ihre letzte Erklärung der Hogarthischen Kupfer gelesen. Es erregt jene Behandlung immer eine eigne Sensation in mir. Ihre Auslegungen und Anspielungen, Ihr Scherz und Ernst gehen auf so einem schmalen Pfad, daß es einem bange werden könnte wenn man nicht bald gewahr würde, daß alles sich unter einander in einem glücklichen Gleichgewicht hält und daß ehe man sichs versieht mit Leichtigkeit ein Weg zurück gelegt ist, wo man keinen Steig vermuthete. Nehmen Sie meinen Dank für diese und jede Äußerung Ihres Geistes die bis zu mir reicht.
Von manchem möchte ich Sie unterhalten und Sie über manches fragen; aber das Unreife ist für das Gespräch und nicht für den Briefwechsel, die Rede löst so leicht jeden Irrthum auf, der durch die Schrift gleichsam erst recht consolidirt wird. Der Krieg und die allgemeine Unsicherheit hält mich zu Hause und nimmt mir die Lust nahe und ferne Freunde einmal wieder zu besuchen. Möge Ihnen Ihr körperlicher Zustand doch recht viele gute Augenblicke gönnen.
[letzte Änderung: 2006-02-26, Olaf Gerstung]